Auf die Hafenhygge!

Herausforderung Corona-Pandemie

Wir sollen auf Abstand gehen, um die Pandemie zu bekämpfen. Flugreisen? Lieber nicht. Stattdessen wächst die Zahl der Bootseigner, die ihre Freizeit „kontaktfrei“ auf dem Wasser genießen. Wie bereiten sich Hafenbetreiber auf die zweite Pandemiesaison vor? Was raten sie Tourenskippern? Und worauf sollten Neueinsteiger achten? Wir haben uns bei Hafenbetreibern, Verbänden, Segelausbildern und Wetterkundlern umgehört.

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Seit letztem Jahr haben sich die Urlaubswünsche der Deutschen verändert. Zwar nicht freiwillig, aber inzwischen erkennt der eine oder andere den Reiz individueller Reiseformen. Das freut besonders die Wohnmobilbranche – und die Bootshändler. 2020 erlebte die Branche einen regelrechten Boom. Der coronabe­dingte Konjunktureinbruch war hier nicht spürbar, anfängliche Sorgen der Händler, dass sich die Pandemie negativ auf die Ver­käufe auswirken könne, erwiesen sich als unbegründet. Denn: Wo kann man besser die Kontaktbeschränkungen einhalten als auf dem eigenen Boot? Der ADAC verzeichnete 2020 eine hohe Zahl an Bootsregistrierungen – es wurden so viele internationale Bootsscheine ausgestellt wie kaum jemals zuvor.

Die wachsende Nachfrage freut die Wassersportbranche, stellt sie jedoch auch vor Herausforderungen. Dauerliegeplätze an der Ostsee sind knapp, durch die eingeschränkte Zahl an Reisezielen „verdichtet“ sich die Nachfrage beim Wochenend- und Urlaubstörn in den bei Gastliegern beliebten Häfen. Hafenbetreiber müssen auf die Einhaltung der Hygienevorschriften achten, und vielen Neueinsteigern fehlt noch die Erfahrung bei den Hafen­manövern. Und doch gibt es wohl auch 2021 kaum einen schö­neren Ort als den Hafen. Mit Gelassenheit und Rücksichtnahme können alle Beteiligten – vom erfahrenen Tourenskipper bis zum Segelneuling, von der Hafenmeisterin bis zur Servicekraft – für eine entspannte Hafenatmosphäre sorgen.

 

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Hans Jaich im-jaich oHG

"Unsere Hafen­meisterinnen und Hafenmeister werden höflich sicherstellen, dass Dauerlieger, die länger als 24 Stun­den den Hafen verlassen, ihren Liegeplatz mit dem Rot-Grün-Schild auch für Gäste freigeben."

 

„Ich erwarte, dass freie Plätze im Sommer ein rares Gut sein wer­den. Diese Situation könnte noch verschärft werden, wenn Päck­chenliegen aufgrund der Infektionsschutzregeln nicht zulässig sein wird“, sagt Hans Jaich, der zusammen mit seinem Bruder Till Jaich die Im-jaich oHG leitet. Zu dieser gehören neun Häfen in Norddeutschland – darunter die Marina Lauterbach auf Rügen sowie die Stadthäfen in Flensburg und Eckernförde. Er bittet um Verständnis: „Unsere Hafenmeisterinnen und Hafenmeis­ter werden höflich sicherstellen, dass Dauerlieger, die länger als 24 Stunden den Hafen verlassen, ihren Liegeplatz mit dem Rot-Grün-Schild auch für Gäste freigeben.“ Und er wirbt für ein „freundschaftliches Miteinander auf Distanz“ im Hafen, auch wenn das gemeinsame Bier mit der Nachbarcrew in einem Cockpit wohl in dieser Saison ausfallen muss. Sein Tipp an die Skipper: „Plant, wenn möglich, auch mal einen Törn in der Vor- oder Nachsaison.“

Per Klick zum Liegeplatz

Eine Möglichkeit, sich einen Gastliegeplatz zu sichern, ist die Liegeplatzreservierung. Während Reservierungssysteme zum Bei­spiel bei der Hotel- und Ferienhausbuchung mittlerweile gang und gäbe sind, ist die Meinung bei Skippern wie Hafenbetreibern dazu gespalten. Einer ihrer Fürsprecher ist Falk Morgenstern, Geschäftsführer der Marina Kröslin und Vorsitzender der Marina Network Association (MNA – vormals Marina Verbund Ostsee e.V.), einem internationalen Zusammenschluss von Häfen ent­lang der Ostsee. „Gastlieger sollten sich möglichst frühzeitig um einen Liegeplatz bemühen oder diesen reservieren. Das erspart viel Ärger sowie langes Suchen und hilft den Hafenmeistern bei der täglichen Planung“, so Morgenstern. Die MNA wird aus diesem Grund noch zu dieser Saison ein neues Onlinebuchungs­system anbieten und hofft, so den Skippern ihre Urlaubsplanung zu erleichtern. Auch Søren Hald, Vorsitzender des Verbands däni­scher Sporthäfen FLID, glaubt, dass die Liegeplatzreservierung wichtiger und die Anzahl der buchbaren Liegeplätze steigen wird. Noch sind es jedoch wenige. Von einer telefonischen Reservie­rung rät er dagegen ab: „Bitte rufen Sie die Hafenmeister nicht an“, ist sein Appell an Tourenskipper. Stattdessen empfehlen er und FLID-Geschäftsführer Jesper Højenvang, früh die Häfen anzu­steuern: „Segeln Sie zwischen 12 und 15 Uhr zu Ihrem Zielhafen oder nutzen Sie den frühen Morgen in Dänemark.“

 

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Falk Morgenstern Baltic Sea Resort in Kröslin

"Gastlieger sollten sich möglichst früh­zeitig um einen Liegeplatz bemühen oder diesen reser­vieren. Das erspart viel Ärger sowie langes Suchen und hilft den Hafenmeistern bei der täglichen Planung."

 

Frischer Wind und gute Etikette

In erster Linie tut die wachsende Zahl der Wassersportbegeister­ten der Branche richtig gut. Und zwar nicht nur in wirtschaftli­cher Hinsicht, wie Hans Jaich betont. „Neue Köpfe bringen frische Ideen und Konzepte – das wird unserer Branche nicht schaden“, ist er überzeugt. Und auch mögliche Spannungen sieht er posi­tiv: „Dass Traditionalisten mit unerfahrenen Freigeistern mal in Reibung geraten, gehört zum Hafenleben dazu. Wer weiß, viel­leicht entstehen so besonders inspirierende Freundschaften.“ Und Falk Morgenstern weiß, dass die Kunden sich gerade auch in diesem Jahr nichts sehnlicher wünschen als Zeit auf dem Wasser. Da könne vieles nicht schnell genug gehen. „Aber auch wir sind ‚nur‘ Menschen und gelangen in solchen Zeiten an unsere Gren­zen. Wir alle haben mittlerweile Erfahrungen mit der Wiederöff­nung nach einem Lockdown und wissen nun auch mehr, auf was es ankommt. Ein freundliches und aufmunterndes Wort bewirkt da oft Wunder“, ist seine Bitte, um die Harmonie im Hafen auf­rechtzuhalten. Gute Seemannschaft ist eben nicht nur auf dem Wasser Garant für eine gute und sichere Zeit.

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Seebeine wachsen langsam – besonders in Coronazeiten

Auf dem Boot ist man frei und unabhängig, im direkten Spiel mit den Elementen. Bei aller Romantik ist das Segeln jedoch auch ein Sport, der Gefahren birgt. Und diese werden von Neueinsteigern leicht unterschätzt, wie Jochen Kopf in den letzten Jahren zuneh­mend beobachtet hat. Der Leiter der Hanseatischen Yachtschule in Glücksburg ist im Dilemma: Einerseits wünscht er sich mehr „gute Seemannschaft“, die nur durch qualifizierte Ausbildung und langjährige Erfahrung erlernt werden kann, andererseits schränken die Kontaktbeschränkungen auch die Möglichkeiten von Skippertrainings und Co. ein. Mit neuen Konzepten, die die Hygienevorschriften einhalten, wollen Segelschulen wie die Han­seatische Yachtschule auch in diesem Jahr eine fundierte Aus­bildung anbieten. Denn: „Neueinsteiger sollten sich ihrer Ver­antwortung bewusst sein“, ist sein großer Wunsch. „Bevor man mit Familie und Freunden lossegelt, sollte man mindestens den SKS gemacht haben.“ Diesen bezeichnet er gern als die „Lizenz zum Üben“. Neueinsteiger sollten am besten nicht auf großen Yachten ihre ersten Erfahrungen machen, sondern auf kleineren Kielbooten oder Jollen mit Pinne. „Auf einer großen Yacht mit Steuerrad spürt man kleine Lenkbewegungen oder veränderte Segeleinstellungen meist nicht so stark“, ist Jochen Kopf über­zeugt. Die Einsteigertrainings der Hanseatischen Yachtschule für Erwachsene finden daher in der Regel auf Folkebooten statt. Voraussichtlich vier Personen inklusive Trainer dürfen hierauf auch in diesem Jahr segeln. Wer schon segeln kann, sollte ein einwöchiges Skippertraining auf einer größeren Yacht mitma­chen. Sobald das Beherbergungsverbot aufgehoben wird, soll dieses wieder stattfinden können. Aus Hygienegründen wird in diesem Jahr nicht auf den Booten übernachtet, sondern in der Unterkunft an Land. Neben Hafenmanövern und Navigation bei Nacht steht das Erlernen der guten Seemannschaft im Fokus der Ausbildung. Leinen vorbereiten, weitere Fender ausbrin­gen, um anderen Seglern das Anlegen zu erleichtern, beim Im- Päckchen-Liegen über das Vorschiff des Nachbarschiffs steigen, sich gegenseitig unterstützen, „das lernt man nicht mal eben im Führerscheinkurs“, meint Jochen Kopf. Einsteiger können dabei von den Erfahrungen anderer profitieren.

 

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Jochen Kopf Leiter der Hanseatischen Yachtschule in Glücksburg 

"Bevor man mit Familie und Freun­den lossegelt, sollte man mindestens den SKS gemacht haben."

 

Von unterschätzbarem Wert

Wie kaum eine andere Sportart ist das Segeln wetterabhängig. Kein Wunder, dass das Wetter unter Seglern vielleicht noch mehr Gesprächsthema Nummer Eins ist als im Wartezimmer beim Arzt. Ein Blick in den Himmel oder in die Wetterkarte der Tageszeitung reicht jedoch nicht aus, um gut vorbereitet zu sein. Wer jemals von Sturm oder Gewitterböen auf dem Wasser über­rascht wurde, wird das Erlebnis nicht so schnell vergessen – und wahrscheinlich auch nicht wiedererleben wollen. „Ich empfehle, das Wetter nie zu unterschätzen“, betont Dr. Meeno Schrader. Wetterbuch

 Der Kieler Meteorologe weiß, wovon er spricht, schließlich segelt er selbst seit 50 Jahren. „Nicht wir, sondern das Wetter ent­scheidet, ob man wie gewünscht oder vielleicht lieber ein paar Stunden später oder am nächsten Tag startet. Eine zuverlässige, umfangreiche Vorhersage sollte vor dem Ablegen eingeholt und ausgewertet werden“, so der Experte. Dabei ist die „Seewetter­vorhersage“ relevant, in der zum Beispiel auch über Böen, See­gang oder eine zu erwartende Strömung informiert wird. „Nur zum Himmel zu gucken und aus dem Istzustand auf die Zukunft zu schließen, ist zu fahrlässig. Trotzdem ist es sehr hilfreich, die Wolken zu kennen, die ein Gefahrenpotenzial haben oder anzeigen. Oft reicht die Zeit, zumindest noch recht­zeitig die Segel zu verkleinern und damit die Kontrolle zu behalten“, so Dr. Meeno Schrader. Viele Wetter-Apps seien zu grob oder basierten auf zu schlechten Rechen­modellen. Daher empfiehlt der Meteoro­loge: „Hinterfragen Sie, welche Vorhersagemodelle verwendet werden.“ Um das Wetter besser zu verstehen, gibt es zahlreiche Fachbücher wie „Das Wetterbuch für Wassersportler” aus dem Delius-Klasing Verlag. Zudem werden Wetterkundeseminare und -webinare angeboten.

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Richtige Vorbereitung, gute Seemannschaft, eine helfende Hand, eine Portion Gelassenheit und ein Lächeln – das sind die Zutaten für eine schöne Segelsaison auch in Corona-Zeiten.

 

Tugenden für Freude, Harmonie und Sicherheit

Auch, wenn der Begriff es anders vermuten lässt: Gute See­mannschaft ist alles andere als „old school“. Es sind die Regeln, auf die man sich im sicheren Hafen wie in stürmischer See ver­lassen kann. Sie sind mehr als bloße Worthülsen, sondern die Werte, die den schönsten Sport der Welt seit Jahrhunderten begleiten. Erfahrenen Seglern sind sie in Fleisch und Blut über­gegangen. Der Deutsche Segler-Verband hat zehn Regeln der guten Seemannschaft zusammengefasst:

Umsicht und Souveränität

Die Skipperin oder der Skipper ist für Crew und Schiff verant­wortlich und bereitet auch sich selbst entsprechend vor. Dazu gehört neben dem Check des Wetters ein Blick auf die Karte des Segelreviers. Eine gut vorbereitete Einweisung der Crew in die Gegebenheiten des Schiffes ist ein unbedingtes Muss. Bereits vor dem Ablegen werden Arbeitsabläufe durchgesprochen, auf See werden Manöver vorausschauend angesagt und ohne Hektik durchgeführt.

Angemessene Geschwindigkeit

Unter Motor sollte die Geschwindigkeit der Yacht immer den Gegebenheiten angepasst sein. In den meisten Häfen gilt eine Begrenzung, aber auch bei der Einfahrt in die Ankerbucht wird weniger Gas gegeben, um in Ruhe nach einem passenden Platz zu suchen.

Knigge-Regeln

International übliche Gepflogenheiten an Bord und im Hafen wer­den geachtet. Dazu gehört der freundliche Gruß auf dem Steg, das Setzen der Gastlandflagge direkt unter der Steuerbordsaling und zum Beispiel das Überqueren anderer Schiffe über das Vor­schiff. Auf See grüßt die Person am Ruder beim Passieren eines anderen Schiffes in Sichtweite.

Hilfe anbieten

Nicht nur in echten Gefahrensituationen gehört es zum Selbst­verständnis guter Seemannschaft, anderen Crews – auch wenn es sich um Regattakonkurrenten handelt – zu helfen. Die Leinen einer einfahrenden Yacht werden angenommen, ein Havarist mit Motorschaden wird in den Schlepp genommen.

Blick aufs Wetter

Wer vor dem Auslaufen oder während eines längeren Törns regel­mäßig die aktuellen Wetterprognosen checkt, wird weder von Sturm und Welle noch von bleierner Flaute überrascht. Drohen ruppige Bedingungen, werden Schiff und Crew frühzeitig vorbe­reitet, Reffleinen eingezogen, Schwimmwesten angezogen, Deck und Cockpit klariert und unter Deck alles sicher verstaut.

Safety First

„Eine Hand für dich, eine Hand fürs Schiff“, lautet die Faustfor­mel an Bord. Rettungsweste und gegebenenfalls weitere Sicher­heitsausrüstung gehören genauso dazu wie die regelmäßige War­tung des Motors oder des Kochers. Vor Beginn des Törns weist der Skipper seine Crew sorgfältig an Bord ein und bespricht die Abläufe für einen Seenotfall, Unfälle und Verletzungen oder ein Feuer an Bord. Außerdem werden – je nach technischer Ausstat­tung – die Notfunkkanäle abgehört und nautischen Warnnach­richten gelesen. Wichtig ist, dass alle an Bord wissen, was im Falle eines Falles zu tun ist, und die Aufgaben klar zugeteilt sind.

Vorfahrt achten

Die Vorfahrtsregeln gelten für alle Wassersporttreibenden gleichermaßen. Wer sie kennt und beachtet, sorgt für ein sicheres Miteinander auf dem Wasser. Wenn ein anderer Was­sersportler die Vorfahrtsregeln missachtet oder nicht kennt, wird zur Vermeidung einer Kollision nicht auf das eigene Vorfahrtsrecht gepocht. Regattafelder oder auch Trainings­gruppen auf dem Wasser werden umfahren, um die Segelnden nicht zu stören.

Saubere Knoten

Palstek, Slipstek, Fenderknoten & Co. – wer die wichtigsten Knoten beherrscht, sorgt beim Anlegen, Festmachen und auf See für Sicherheit und Verlässlichkeit. Nichts ist schlimmer als ein falsch gesteckter Knoten, der unter Last aufgeht.

Korrekt festmachen

Um das Boot am Steg, an den Pfählen oder auch im Päckchen festzumachen, werden immer die eigenen Leinen verwendet. Zusammen mit den Fendern liegen diese bereits bei der Ein­fahrt in den Hafen bereit. Nach dem Ablegen werden die Fen­der wieder abgenommen und verstaut.

Etikette im Hafen

Wer mit nacktem Oberkörper oder nur in Badebekleidung in den Hafen oder eine Marina einläuft, zieht schnell irritierte Blicke auf sich. Die Hafen- und Sanitäranlagen werden sauber hinterlassen, die Gastfreundschaft sowie Nebenlieger werden respektiert. Musik und entsprechend Stimmung im Cockpit werden der Situation angepasst.


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